OSG-Distorsion

Klinik und Diagnostik

  • Schmerzen und Schwellung im Bereich des Malleolus lateralis mit Verstärkung bei Belastung und ev. Instabilitätsgefühl
  • Die Verletzung kann von leichter Überdehnung bis zur kompletten Ruptur der Bänder gehen. Klinisch kann der Schweregrad der Verletzung nicht sicher bestimmt werden

Einteilung

Grad I: Zerrung mit kleinem Hämatom, Fuss belastbar
Grad II: Partielle Ruptur, Hämatom, Fuss eingeschränkt belastbar
Grad III: Vollständige Ruptur, deutliches Hämatom, Fuss nicht belastbar

Anamnese

  • Unfallmechanismus (meist Supinationstrauma), Rezidiv?

 Klinische Untersuchung

  • Beweglichkeitsprüfung des oberen und unteren Sprunggelenks
  • Palpation Supinationskette (Metatarsale V bis Fibulaköpfchen) und Syndesmose (fibulo-tibialer Squeeze-Test); druckschmerzhafte Areale über medialem/lateralem Bandapparat geben Anhaltspunkt über genauere Lokalisation der Bandläsion (Cave: Maisonneuve-Fraktur; Palpation der proximalen Fibula!)
    –> Bei Druckdolenz und Hämatom des medialen Bandapparates handelt es sich stets um eine Grad-III-Verletzung!
  • Prüfung Talusvorschub (nur für Geübte und bei entspanntem Pat.): Prüfung direkt nach Trauma oder dann erst nach 5 Tagen, immer zuerst gesunde Seite! Pathologisch bei einer Seitendifferenz > 5 mm
  • Keine Prüfung der Seitenbandstabilität!
  • Radiologische Diagnostik zum Ausschluss einer ossären Läsion sollte i. d. R. nur durchgeführt werden, wenn ein Kriterium der Ottawa Ankle Rule erfüllt ist

Hinweise zur Röntgendiagnostik

  • Zusätzlich soll bei allen Patienten mit Risikofaktoren für eine Osteoporose sowie bei allen medialen OSG-Distorsionen ein Röntgenbild gemacht werden!
  • Falls ein Röntgenbild notwendig ist: Anteroposteriore (a.p.) Aufnahme in 10–20 ° Innenrotation („mortise-view“) und seitliche Aufnahme des OSG
  • Gehaltene Aufnahmen werden in der Akutdiagnostik nicht empfohlen!
  • MRI: Nur ausnahmsweise indiziert. Bei V. a. auf Syndesmoseverletzung* zu empfehlen, da häufig therapeutische Konsequenz

    * Hinweise darauf sind: verminderte Kraft beim Abstossen des Fusses im Gangbild, anhaltend eingeschränkte Belastbarkeit, Schwellung oberhalb der Gelenklinie des OSG zwischen Tibia und Fibula innert 24 h nach Trauma

  • Malleolarfraktur, Fusswurzelfraktur, Syndesmosenläsion, Knorpelläsionen (Blockaden, Flake im Rx)

An seltene Verletzungen denken, wenn das klinische Bild nicht ganz stimmig ist (z. B. extreme Schwellung/Hämatom, persistierende Belastungsunfähigkeit)

  • Fraktur des Processus lateralis tali bei Snowboardern
  • Fraktur des Processus anterior calcanei
  • Maisonneuve-Fraktur (Palpation der proximalen Fibula)
  • Metatarsale-V-Abrissfraktur
  • Achillessehnenverletzung
  • Verletzung am Sinus tarsi
  • Luxation der Peronaeussehne

Therapie

Bei allen Schweregraden

  • „RICE“ (Rest, Ice, Compression, Elevation). Bei Hämatom Ruhigstellung in den ersten Tagen (2–7 Tage bei leichtem bis mittelschwerem, 7–10 Tage bei schwerem Trauma). Hinweis: Der Kompressionsverband mit elastischer Binde sollte in den ersten Tagen auch nachts getragen werden. Die OSG-Orthese muss nachts nicht getragen werden
  • NSAR: Per os oder lokal zur Abschwellung und Schmerzlinderung in den ersten Tagen. Kein ASS wegen erhöhter Einblutungsgefahr

Grad I–II

  • Funktionelle Nachbehandlung in OSG-Orthese mit seitlicher Stabilisation für 4–6 Wochen ist effektiver als Immobilisation
    OSG-Orthesen (Beispiele): Malleo Sprint®, DeRoyal®, BOA®         
  • In Orthese Belastung nach Massgaben der Beschwerden

Grad III

  • Kurzzeitige komplette Ruhigstellung kann vorteilhaft sein (max. 10 Tage), im Anschluss wird in einer gängigen Orthese funktionell nachbehandelt für insgesamt 6 Wochen. Thromboseprophylaxe nur bei St. n. TVT oder Gerinnungsstörung

Tabelle: Behandlung OSG-Distorsion (modifiziert nach SMF 2016; 16(29):436-442)

Grad

Symptome

Verletzte Strukturen

Therapie

 

Nachkontrolle

I

Schwellung, kein Hämatom lateral, Vollbelastung möglich

Zerrung, Partialläsion des lateralen Bandapparates

RICE, NSAR, Tapen, Bandage 4–6 Wochen, Vollbelastung erlaubt

Hausarzt, klinisch bei Bedarf

II

Hämatom lateral,    
Vollbelastung kurzzeitig möglich

Ruptur des lateralen Bandapparates (LFTA, LFC)

 

RICE, NSAR, OSG-Orthese 6 Wochen tags/nachts, Vollbelastung erlaubt, Physiotherapie nur bei Bedarf

Hausarzt, klinisch nach 14 Tagen und nach 6 Wochen

III

Hämatom lateral und medial, keine Belastung möglich

Ruptur des lateralen Bandapparates, zusätzlich mediale Bandverletzung (Lig. deltoideum) oder Begleitverletzungen

RICE, NSAR, Ruhigstellung mit VACO®ped/gespaltenem Unterschenkelgips, nach 1. Kontrolle weiter im VACO®ped oder Stabilschuh, Stockentlastung nach Bedarf, ggfls. Thromboseprophylaxe

I. d. R. Facharzt/ Fusssprechstunde, nach 1–2 Wochen und nach 6 Wochen

 

 

  • Nicht routinemässig notwendig. Massnahmen wie Lymphdrainage, Ultraschall, Elektrotherapie haben eine schwache Evidenz
  • Bei hartnäckigen Fällen und Rezidiven bzw. bei Instabilitätsgefühl –> Kräftigungs- und Propriozeptionstraining
  • Wenn nach 3 Tagen noch deutliche Schwellung vorhanden, kann manuelle Lymphdrainage helfen

Indikationen

  • Chronische OSG-Instabilität, komplette Syndesmosenverletzung, interponierende Innenbandverletzung, Knorpelschaden, Impingement, dislozierte Frakturen, ev. bei Spitzensportlern und vollständiger Bandruptur
  • Geeignetes Schuhwerk
  • Kräftigung der gesamten Muskelkette
  • Koordinations-/Propriozeptionstraining
  • Sportartspezifisches Techniktraining, gutes Aufwärmen
  • Übergewichtsreduktion

Autoren: Dr. med. U. Beise, Dr. med. S. Erni

Änderungsdatum: 07/2019

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